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Die Ameisenweiber / Ant-Women

Stephan Alfare

Die Ameisenweiber

Normalerweise schmiss ich das Kirchenblatt in den Briefkasten und ging gleich weiter. Doch einmal im Monat musste kassiert werden. Ich läutete an jeder Haustür, und wenn es keine Glocke gab, dann klopfte ich eben. Ich hatte drei Gassen auszutragen: die Burggasse, die Wiedengasse, und den Kalkofen. In der Wiedengasse gab es zwei alte Häuser. Eins davon war so morsch, dass ich glaubte, es könne jederzeit einstürzen, und ich wusste, nur ein kleiner Funke würde genügen, um das ganze Haus abzufackeln. Dort lebten drei furchtbar alte Frauen; die Tür stand immer offen, die Tür war nur angelehnt. In meinem Leben hatte ich noch nie derart alte Menschen gesehen! Es waren freundliche Frauen, und alle drei hatten einen Buckel. Eine von ihnen war blind. Wenn die Blinde das Kirchenblatt bezahlte, schenkte sie mir alte Schokolade und auch vergammelte Stangen aus Zucker. Sie reichte mir ihre verkrumpelte Geldtasche, damit ich die Schillinge selbst herauszählte. Ich betrog sie nie, das hätte ich nicht übers Herz gebracht. Ich bedankte mich und verstaute die alte Schokolade und die vergammelten Zuckerstangen in der Jackentasche. Unter das Silberpapier und das Zellophan, in dem die Süßigkeiten steckten, waren Ameisen geraten. Ich sagte nie etwas. Die Ameisen - es waren rote - krabbelten herum und schleckten an der Schokolade und am Zuckerzeug. Ich mochte diese alten Weiber.

Ant-Women

Usually I put the church newsletter into the letterbox and went on immediately. But once a month I had to collect. I rang each doorbell, and where there was no doorbell, I knocked on the door. I had three streets on my route: Burggasse, Wiedengasse and Kalkofen. There were two old houses in Wiedengasse. One of them was so rotten that I thought it would fall in at any moment and I knew that a single spark would suffice to burn down the entire house. Three terribly old women lived there; the door was always open, it was left ajar. I had never seen such old people in all my life! They were friendly women, and all three of them had a hunchback. One of them was blind. When the blind one paid for the church newsletter, she gave me old chocolate and rotten old candy sticks. She gave me her crumpled old purse so that I could count out the shillings. I never betrayed her, I couldn't have. I said thank you and put the old chocolate and rotten candy sticks into my pocket. There were ants under the sweets’ aluminium and cellophane wrappings. I didn't say a thing; I never said a thing. The ants - they were red ones - crawled around and ate the chocolate and the candy sticks. I liked those old hags.

TotgestrandetBernd Höfer: Totgestrandet / Jetsamed

edition selene, Wien 2004
ISBN: 3-85266-245-1

[ www.selene.at ]

 

© Bernd Höfer, 2006-2014