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Bernd Höfer
Totgestrandet / Jetsamed

Prolog

Dort, wo der Sand glatt war und dunkel gefärbt, wo er gerade noch und nur ab und zu von den Strandläufern des Atlantikwassers berührt wurde, von den ausklingenden Wellen, welche hier kraftlos ihr Ende fanden, dort war der Strand am besten begehbar.
Ich war schon einige Tage unterwegs, den Strand der Goldküste entlang gewandert von Süden nach Norden von Fort Lauderdale in Richtung Palm Beach. Im Rucksack befanden sich Wasser, Bananen, Heftpflaster und eine Küstenkarte.
Die Kamera hatte ich um den Hals gehängt, hautnah, um sie vor Wind, Sand und der Gischt des Atlantiks zu schützen.
Das immerwährende monotone Rauschen und Rollen der Wellen hatte mich in einen eigenartigen, teilweise meditativen Zustand versetzt, in welchem Zeit und Raum, der sich außerhalb des direkten Küstenbandes befand, von mir nicht mehr wahrgenommen wurde.
Ich war mit meiner Kamera symbiotisch verbunden, und der Küstenstreifen wurde von meinem Sehen und Fühlen in einzelne Bilder zerlegt und wieder zusammengefügt.

Zwei riesige grellrote Coca Cola Automaten versperrten mir die direkte Strandsicht, warfen aber einen angenehmen kurzen Schatten auf meinen, von der Sonne aufgeheizten, fettglänzenden Körper. Einige frech-diebische Kleinraben mit schwarzglänzendem Gefieder warteten auf verschmähte oder zu Boden gefallene Pommes Frites, das Hauptnahrungsmittel dieser Region.
Ich fütterte eine Taube, welche nur ein Bein hatte und etwas hilflos unter meinem weißen Plastiktisch umhertorkelte, mit weichem süßlichen Hamburgerbrot.
Ein Pier, aus Holz und Beton gebaut, streckte sich kühn fast 100 Meter auf den Atlantik hinaus, er wird rund um die Uhr für nur einen Dollar betreten und verwendet. Am Ende des Piers standen einige Fischer und die Köder an den Angelhaken zischten beim Auswurf über die Köpfe der neugierigen erwartungsvollen Pierbesucher hinweg.
Plump wirkende Pelikane, aufgeregte Möwen und flinke Strandläufer saßen der Rangordnung entsprechend auf dem Geländer, welches sich den Pier entlangzog, sie kreischten, warteten und stritten sich um kleine Fische und Fischstückchen, die ihnen die Fischer manchmal zuwarfen.
Immer wieder begegnete ich bei meinen Strandwanderungen diesen gigantischen Brückenkonstruktionen und sie machten mich darauf aufmerksam, dass ich wieder ein belebtes kultiviertes Stück Strand durchqueren würde.

Die Deerfield-Beach Fitnessmeile nimmt ihren Anfang gleich dort, neben dem Eingang zum Pier. Wie ein Pilgerweg, auf dem das Blut der sich geißelnden, um Absolution Bittenden klebt, zieht sich dieses Betonband die Küste entlang gegen Süden.
Ein Weg der Hoffnung und der Verzweiflung, eine Arena der Überlebenskämpfer, in der die Gladiatoren des Altersheims einen ungleichen Kampf gegen die, von Zeit und Raum vorgegebenen Abgrenzungen, austragen.

Der Tod ist die Mutter des Lebens. Ohne Tod gäbe es keine Wiedergeburt, keinen Platz für neues Leben. Der Kreislauf, die Spanne zwischen Geburt und Tod muss in Bewegung bleiben.
Hologrammgesichter dachte ich. Eine Zweigesichtigkeit, die mich verwunderte und zugleich erschreckte. Je nach Blickwinkel, Empfindungsbereitschaft und Empfangswillen entstanden mehr oder weniger groteske, angsteinflößende Kopfbilder, morbide Verzerrungen und mich ängstigende Maskengesichter, welche mich an Totgestrandet erinnerten.

Aber schon im nächsten Augenblick konnten diese von Angst Alter und Krankheit gezeichneten Gesichter durch eine Verdrehung des Kopfes, oder einen veränderten Bewegungsablauf ihres Körpers, eine für mich beruhigendere Form annehmen. Lebensbilder der Vergangenheit schienen sich dann bemerkbar zu machen, und eine geglättete Oberfläche wurde sichtbar, verwunderte, und nahm mir für eine Weile meine vielschichtigen, mich ständig begleitenden Angstzustände.
All diese Überlegungen und Empfindungen hatten in mir einen Mechanismus ausgelöst, welcher mich selbst erschreckte, mir aber auch ein erweitertes Sehen und Fühlen ermöglichte.
Köpfe und Gestalten, Bewegungen und Gesten veränderten sich und vermittelten Perspektiven, welche ich zuvor nicht erkannt hatte. Leben und Tod hatten sich zu makabren Bildern vereint.

Natürlich stelle ich mir in solchen Ausnahmesituationen die Frage, ob diese Wahrnehmungen der Realität entsprechen und wie weit sich diese Eindrücke durch meine eigene Ängste verzerrt und verändert widerspiegeln.
Dieser Unverstand, diese Begrenzung, dieses Eingeschnürtsein in nur drei Dimensionen. Ist unsere, meine subjektive Erfahrung, meine Wahrnehmung ein Produkt meines Unverstandes?
Viele erfundene Worte, welche mir das Leben und Erleben ermöglichen sollen-nur Verpackungsmaterial. Verpackt, verklebt, verschnürt und unbeweglich gemacht, um mich als Strandgut stranden zu lassen.

Diese Nacht war keine ruhige Nacht. Der immer stärker werdende Ostwind trieb die Wogen des Atlantiks vor sich her, bis sie sich im Küstenbereich mit lautem Dösen schäumend überschlugen, um danach gischtspritzend auseinander zu brechen.
Die noch verbliebene Wogenkraft trieb die schaumgekrönten, jetzt geglätteten Wassermassen auf den leicht ansteigenden Sandstrand, bis sie kraftlos Halt machten, um sich nach kurzem Zögern in die Fluten zurückgleiten zu lassen.
Wind und Wasser hatten dank ihrer elementaren Urkraft groteske Zeichen gesetzt, Bilder der Zerstörung und des Todes.

Die Physalis oder Portuguese-man-o-war Qualle wird von einem Schwimmkörper getragen, welcher einem azurblauen aufgeblasenen Kondom ähnelt,an der Oberseite ein kleiner Windfang, während einige bis zu 30 Meter lange, mit Giftnesseln besetzte Tentakeln, in die Meerestiefe hinabhängen. Vereint in größeren Verbänden, abhängig von Wind und Wetter, treiben sie scheinbar ziellos in Küstennähe. Atemlähmung und Tod, können für Mensch und Tier die Berührungsfolgen sein.

Die aufgewühlte See, der losgerissene Tang, hatten sich in diesem Tentakelwald verfangen, sich mit den zahllosen Giftarmen dieses Quallenverbandes vereint, sie umschlungen und gefangen genommen. Keiner wusste so recht, ob er ein Gewinner oder Verlierer dieser Begegnung war, ob für ihn Vor- oder Nachteile daraus entstehen würden.
Dann aber machten sich Wind und Strömung unbarmherzig an die Arbeit. Tang und Quallen, vereint und eng umschlungen, verstanden plötzlich, dass ihre Nähe, ihr Miteinander, für sie alle sich zu einer tödlichen Falle entwickelt hatte.

Totgestrandete, blaue Quallenkörper mit verstümmelten, zerfetzten Tentakeln, herausgerissenen Eingeweiden, violettrot und schleimbehaftet, vereint mit Seetang und anderem Strandgut, reflektierten groteske Bilder dieser verlorenen nächtlichen Schlacht.
Vergänglichkeit und Zeit, Werkzeug des Todes, hatten hier ihr Plansoll erfüllt, das Ende der Fitnessmeile war erreicht. Die Hologrammgesichter hatten sich aufgelöst und waren abgewandert, dachte ich, während ich versuchte hier mit der Kamera Zugänge zu finden.

Mit hohlen Augen glotzen sie dich an, die Mäuler wie zum letzten Schrei aufgerissen, versteinerte Knochenschädel, Steinknochenschädel mit Fallbeilspuren im Genick.
Groteske Fratzengesichter, Korallensteinmasken, hämisch grinsend, als hätten sie bis zum letzten Atemzug die Wahrheit verleugnet, um sich und die Welt irre zu führen.
Ein verstümmelter Holzfleischkörper, im Liebesakt erstarrt, Eifersuchtsschüsse mitten ins Herz. Morbide Empfangsbereitschaft spiegelt sich wider.
Manche Kokosnusstiere hatten mit Hilfe von Salzwasser, Wind und Zeit sich ihr eigenes mystisch wirkendes Mausoleum gebaut, in welchem sie aufgebahrt lagen, um sogar noch nach ihrem Tode zeugungsfähig zu sein.
Andere dieser eigenartigen Kokostiere waren wie bei einer Maskerade verkleidet und hatten sich ein unterschiedliches eigenwilliges Aussehen verliehen.
Affenschädel, Schrumpfköpfe, ein Hyänenkopf mit aufgerissenem Maul wie zum Beutesprung bereit.
Ein Tanz der Vampire, eine makabre Szenerie. Teils grotesk und furchteinflößend, teils aber auch erbarmungswürdig und mitleiderregend.

Meine Verbundenheit zu und mit diesen organischen und anorganischen Totgestrandeten wurde im Laufe meiner zahlreichen Strandwanderungen stärker und spürbarer.
Immer intensiver erkannte ich und sah den Schmerz, hörte die Verzweiflungsschreie und fühlte die Angst, welche sie auch noch nach ihrem Tode wie eine Aura umgab.
Aber auch Empathie und Ehrfurcht ergriffen mich manchmal bei diesen Begegnungen. Ich vermied jede Berührung und veränderte nie die Lage der Objekte, auch wenn sie dadurch auf Bild schwieriger festzuhalten waren.

Reflexionsbilder, Widerspiegelungen meiner eigenen, für mich erfundenen Gefühlswelt , durch mein Überlebensprogramm entdeckt, in Atemnot, durch Angst und Unzulänglichkeit entstanden.

Prologue

Where the sand was smooth and dark, where the Atlantic's runners only just touched it every now and then, where the dying waves found their weak end is where it was easiest to walk on the sand.
I had already been travelling for a few days, walking the beach of the Gold Coast from south to north, from Fort Lauderdale towards Palm Beach. I had water, bananas, band-aids and a coastal map in my backpack.
I had my camera around my neck, carrying it closely to my body to protect it from the wind, the sand and the Atlantic’s spray.
The waves’ never-ending noise and movement had put me in a strange, somewhat meditative mood, and I ceased to acknowledge time and space outside of this very piece of coastline.
I was symbiotically connected to my camera; my senses took the strip of coastline apart into single pictures and puzzled them together again.

My direct view of the beach was obstructed by two huge, bright red Coca-Cola machines, which cast a pleasant shade onto my sweat-drenched body after the heat of the sun. A couple of small ravens with shiny black feathers were lying in wait for left or dropped French Fries, the region's main source of nutrition. I fed a one-legged pigeon, which had been tumbling about rather helplessly under my plastic table, a piece of my soft and sweet Hamburger Bun.
A wood-and-concrete pier stretched into the Atlantic for nearly 100 meters, it was open 24 hours a day, for the price of only one dollar per person. Fishermen were standing at the end of the pier and when they cast their lines, the bait on their hooks swung over the heads of the nosey visitors on the pier.
Plump-looking pelicans, excited seagulls and quick sandpipers were perched on the railing of the pier in order of rank, screaming and waiting and fighting over small fish or pieces of fish that the fishermen threw them from time to time.
I came upon these giant constructions again and again on my coastal walks, and they would always alert me that I was about to enter a lively and cultivated section of the beach.

The Deerfield Beach Fitness Mile began right there by the entrance to the pier. This concrete stretch follows the coast southwards like a pilgrim's path, stained with the blood of martyrs begging for absolution.
It is a path of hope and desperation, a survival fighters’ arena, where the gladiators of the old-age homes are engaged in their unequal struggle with the limits of time and space.

Death is the mother of life. Without death there would be no rebirth, no room for new life. The cycle of life between birth and death has to keep moving.
I thought of hologram faces. Janus-faces to surprise and frighten me at the same time. Depending on my point of view, my openness and willingness to see, I perceived more and more grotesque, alarming portraits, morbid distortions and frightening masks, which reminded me of jetsamed.

Then again, it could only take a moment, a turn of the head or a change in their movement, and these faces marked by fear, age, and illness looked calming to me. Then I could see pictures of life and a past, a smooth surface came to light, surprised me and took from me for a while the multi-layered fears that were always with me.
All these thoughts and feelings had started in me a mechanism, which scared me myself, but which also gave me the ability to see and sense more.
Heads and figures, movements and gesticulation changed and showed us new perspectives that I had previously not known. Life and Death had united into macabre pictures.

Of course I asked myself in such exceptional situations, whether these perceptions reflected reality and how far these impressions were mirrored, distorted and altered through my own fears.
This failure to understand, this limit, this prison of three dimensions. Is our, my, subjective experience, my perception a product of my failure to understand?
Many invented words, which are supposed to make life and experience possible for me at all - they are only packaging. Wrapped, glued, tied, and immobilised, to let me wash up as jetsam.

That night was not a peaceful night. The eastern wind, which was becoming stronger, pushed the waves of the Atlantic forwards, until they broke loudly near the coast and tumbled down amid their spray.
The remaining power of the waves drove the frothy, smoothed-down water masses onto the slightly rising sand beach until they weakly stopped and fell back into the tides after brief reprise. Wind and water had left behind grotesque marks thanks to their elementary might, pictures of destruction and death.

The physalis or Portuguese man-o-war is carried by a floating body, which looks like an azure, inflated condom, has a small float at the top, and 30-meter long tentacles covered in venomous stinging cups hanging down in to the depths of the sea. They drift apparently aimlessly near the coast in large swarms, depending on wind and weather. For humans and animals, their touch can mean paralysis of the breathing apparatus and death.

The stormy sea’s ripped-out algae had caught hold of this forest of tentacles, knotted itself into the countless poisonous arms of this swarm of jellyfish, tied itself around them and imprisoned them. Neither quite knew who was the loser and who the winner of this encounter, what was to gain or lose here.
But then, wind and current set about their work without mercy and suddenly both, algae and jellyfish, understood, closely tied together, that their proximity, their togetherness, had turned into a deadly trap for them all.

Jetsamed, blue jellyfish-bodies with distorted, ripped tentacles, ripped-out innards, violet red and covered in slime, united with algae and other flotsam, reflect grotesque images of this lost battle of the night.
Transience and time, tools of death, had filled their due here, I had reached the end of the fitness mile. The hologram faces had dissolved and moved away, I thought, while I tried to capture this with my camera.

They stare at you with their empty eyes, they stare at you, their mouths opened for their last scream, petrified skulls, skulls of stone with the traces of an axe in their neck.
Grotesque, distorted faces, corral stone masks, with sneering grins, as if they had denied the truth until their very last breath, to fool themselves and the world.
A mutilated body of wood, washed up in the act of love, shots of jealousy right into the heart. Reflections of morbid fertility.
Some coconut animals had built their own mystical mausoleum with the help of saltwater, wind and time, where they were laid out so they could procreate even after their death.
Others of these strange coconut animals were dressed up as if for a masquerade, had given themselves different strange appearances.
Ape skulls, shrunken heads, a hyena's head with its mouth wide-open, ready for attack.
A dance of vampires, a marcabre scene: In part grotesque and frightening, in part humiliating and eliciting sympathy.

My connection to these organic and inorganic jetsamed creatures grew over the time of my coastal walks.
I recognised their pain and saw it ever more clearly, heard their screams of desperation and felt their fear that had stayed with them even now, after their death.
At times, I was also filled by empathy and awe at these encounters. I avoided any touch and never changed the objects’ position, even if that made them more difficult to catch on camera.

Reflective pictures, reflections of my own invented world of emotions, discovered through my survival programme, created breathlessly through my fears and inadequacies.

TotgestrandetBernd Höfer: Totgestrandet / Jetsamed

edition selene, Wien 2004
ISBN: 3-85266-245-1

[ www.selene.at ]

 

© Bernd Höfer, 2006-2014